Was der Homo sapiens curae wirklich, wirklich braucht!

Von David Thiele

Jeder Mensch auf Gottes schöner Erde hat eine andere Grundmotivation (Berufung), etwas zu tun und dabei seine „Glückseligkeit“ zu finden. Der eine liebt Zahlen, der andere Pflanzen, ein anderer hat sich schon früher um die Perfektionierung des Rades (vom Quader zum Rad) bemüht. Andere reden und bestimmen gern. Die Liste ist unendlich. Belassen wir es bei diesen Beispielen.

Der Homo Sapiens curae, der Pflegemensch, jedoch, hat seinen Beruf meist gewählt, weil seine sozial-emotional ausgelegte Grundkonstitution, das Helfen, das sich Engagieren und Verantwortung für Andere übernehmen, so bei ihm veranlagt ist. Soweit so gut, das ist zunächst ja kein Problem.

In den frühen Zeiten wurde diese Aufgabe von meist gemeinnützigen und selbstlosen Organisationen übernommen. Das war gut und richtig so! Damals!
So wurde im Verlauf der Jahrhunderte der Diener zu einer Pflegekraft, dem Homo sapiens Curae (Pflegemensch).

Heute ist es wie ein Fluch. Die, die Ihre Berufung im Straßenbau, Brückenentwicklung, Autos bauen oder Geld verleihen sehen, haben sich in dieser Welt zu emanzipierten und akzeptierten Mitglieder der Gesellschaft entwickelt. Kurz: sie sind respektiert und haben ihren Preis! Ist halt so!

Der Pflegemensch hingegen hat bis heute ein Stück weit den Pestgeruch des Mittelalters an sich. Anders kann ich mir die Ausgrenzung und Missachtung jeder Grundregel im anständigen Umgang miteinander nicht erklären. In kaum einer Branche ist die Nichtachtung von Familie, Freizeit, seelischer und körperlicher Gesundheit in verflixter Kombination mit suboptimaler Bezahlung, so ausgeprägt und allgemein billigend in Kauf genommen, wie in der Gesundheits- und Pflegewirtschaft.

Meine Frage: Warum sitzen in den Pflegesatzverhandlungsteams der Kassen und Unternehmen (Verbände) nicht gleichwertig ausgebildete Mitarbeiter, wie zum Beispiel im Verteidigungsministerium und [die] dort über viel höhere Summen entscheiden, sich diese mehr oder weniger vorschreiben lassen. Da geht es auch um Steuergelder und die Rüstungsindustrie mit ihren Mitarbeitern, kann sich nicht über niedrige Löhne und Gewinnmargen beschweren [irgendwas fehlt in dem Satz. der gibt keinen Sinn]. Sie verdienen auf Steuerzahlerkosten, allgemein akzeptiert und respektiert, sehr viel Geld!
Die derzeitigen Pflegemindestlohndebatten sind vollkommen am Thema vorbei und betreffen sehr viele Pflegekräfte schon wieder einmal nicht und können somit unter Polittheater abgehackt werden.
Fakt ist: Es gibt einen Preis für Pflege und der sollte sich nicht an einer „Mindestlohndebatte“ festmachen lassen.

Meine Grundforderungen an die Gesellschaft und Politik, die ich in meinem Video für die Hochschule Bremen formuliert habe, sind richtig, ergänzenswert und trotz alledem nicht ganz vollständig gewesen.
Ein entscheidender Teil fehlt. Nämlich die Frage, was es braucht, um eine Pflegekraft wirklich glücklich zu machen, wenn Sie nach einer oder manchmal auch zwei Schichten nach Hause geht.
Die eine Seite der Medaille ist die der Sinnstiftung. Dass sich der gemeine Pflegemensch sehr viel Zufriedenheit und Glückseligkeit aus dem Leuchten in den Augen der Menschen holt, für die er Verantwortung übernommen hat (Achtung: Momentan nicht abrechenbar!). Dankbarkeit und wirklichen Zufriedenheit der Pflege- bzw. Hilfebedürftigen die aus „MehrZeitfürPflege“ resultiert.

Die andere Seite der Medaille ist dabei sicherlich auch der Pflegeschlüssel, das Gehalt, erleichterndes anstatt belastendes Qualitätsmanagement usw.. Nur halten wir einmal fest, diese zweite Seite ist nicht von primärem Interesse für die Menschen, die Pflege wirklich und echt leisten.
Denn für viele Pflegebedürftige, alte und kranke Menschen kann gesagt werden:
Das einzige was ich noch habe, bist Du, lieber Pflegemensch! Ich habe alles was mir wichtig war, was mich ausmacht, was ich geliebt habe, verloren. Meinen geliebten Partner (nach 60 Ehejahren), mein Kind, meine Wohnung, ein Stück weit meine Erinnerungen. Jetzt bleibst nur noch Du!

Liebe Gesellschaft, wissen Sie eigentlich, was diese Worte mit einem Menschen machen? Nein das (können) können Sie nicht wissen! Es macht zuerst betroffen, dann unglücklich, dann depressiv, dann aus Selbstschutz ein Stück weit gleichgültig und dann haben wir ihn, den perfekten, systemrelevanten Pflegemenschen. Abrechnung nach Modulen, Abarbeiten nach Plan und Zeit. Bloß nicht denken, nicht fühlen, nicht fragen.

Wollen wir wirklich etwas verändern, wollen wir in der Pflege wirklich (Pflege)Nägel mit Köpfen machen, dann müssen wir endlich denen zuhören, die Pflege „tun“ und die Pflege „leben“. Wir müssen den Blickwinkel und die Anforderungsprofile an Pflege ändern!

Qualitätsparameter der Zukunft können auch lauten:
• Ist die Sinnstiftung dieses Berufsbildes wirklich erfüllt. Ja oder nein?
• Werden wir den Bedürfnissen der Schwächsten in unserer Gesellschaft wirklich gerecht? (Nicht Dokumentation, Wunden etc.) Ist die seelische Verfassung gesund?

Wir sollten uns besonders um den Einstieg und den Ausstieg aus dem Leben kümmern.
Das macht die Würde einer Gesellschaft aus!
Es würde mich beschämen, nicht alles für diese Würde getan zu haben.

Ihr David Thiele

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