Pflege: Von hochlukrativ zu hochriskant?

Von David Thiele

 

Sicherlich ist Ihnen schon aufgefallen, dass sich die Märkte insgesamt verändern. Kosten steigen, Materialien fehlen und Menschen, die für die Leistung notwendig sind, finden sich immer weniger.

Ausgaben für Pflegeversicherung verdoppeln sich

Die Pflege insgesamt hat im Jahr 2021 eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 45,5 Milliarden Euro zu verbuchen gehabt. Davon fallen dann 21,5 Milliarden Euro auf die ambulante Pflege und 24,0 Milliarden Euro auf die stationäre Pflege. Waren es noch 2012 ca. 28,3 Milliarden Euro für beide Pflegebereiche zusammen, so bewegen wir uns auf eine Verdopplung zu. (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz) So weit, so gut. Bis hierher sieht es nach steigender Wertschöpfung und somit auch steigenden möglichen Gewinnen aus. Aber Vorsicht, der Eindruck trügt. Größtenteils unbemerkt von der Masse der Menschen hat der Markt „Pflege“ sich radikal verändert. Die Auswirkungen sehen wir heute.

1 Million mehr Pflegebedürftige bis 2030

Bis 2030 wird es 1 Million Pflegebedürftige mehr geben als gedacht. Das sind dann ca. 6 Millionen. Im gleichen Atemzug klafft die Lücke der fehlenden Pflegekräfte mehr und mehr auf. Bis zu 500.000 könnten es 2030 sein. Wenn die Politik weiter weitreichend fatale Entscheidungen trifft (Stichwort Tariftreue, Stichwort einrichtungsbezogene Impfpflicht, Stichwort fehlende SGB XI Reform), dann werden noch mehr Pflegekräfte Ihren Beruf verlassen. Dann könnten es auch mehr werden. Mehr wertvolle Pflegekräfte, die der Pflege den Rücken kehren. Vor allem so unnötig!

Liberalisierungsfall?

Der Punkt ist, das wir in Deutschland nicht nur einen föderalistisch organisierten Pflegemarkt haben, sondern auch einen liberalisierten. Dem Föderalismus wenden wir uns in einem gesonderten Blogbeitrag zu. Die Auswirkungen des Liberalismus sehen wir an vielen Ecken, wo Pflege zur Ware und Menschlichkeit zu einem Kostenfaktor wird. Grundsätzlich und an sich ist an Privatisierung nichts einzuwenden. Nur die Interessen und die Art und Weise sollten geklärt werden. Privat geführte Einrichtungen und Unternehmen gab es schon immer. Nur an der Stelle, wo Aktionärsinteressen ins Spiel kommen, wird es kritisch. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Ich denke, wenn Geschäftsführung und Inhaber getrennt sind, wenn Aktienanteile echter Besitz nicht mehr übereinstimmen, dann kommt es zu reinem Renditedenken und das ist im Gesundheitswesen nicht uneingeschränkt am rechten Platz. Menschen, die nie gepflegt haben, Menschen die nie einen sterbenden begleitet haben, Menschen, die vollkommen Berufsfremd sind, sollten nicht in entscheidende Positionen kommen. Richtig ist, dass viele CEO´s und COO mittlerweile berufsfremd sind. Richtig ist auch, dass dies aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Richtig ist aber auch, dass hier die besondere Anforderung an dieses Geschäftsfeld, nämlich der Umgang mit Menschen sowie Tod und Sterben, nicht so ausgeprägt sind. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Neue Managementstrukturen braucht die Welt

Toll finde ich die Doppelspitzen im Management. Viele caritative und diakonische Träger handhaben dies mittlerweile so. Es gibt einen kaufmännische Vorstand und der für den sozialen Bereich einen zweiten. Hier ergänzen sich zwei Blickwinkel, zwei Ansichten und die Mitte trifft meist den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf.

Risiko für Investoren

Zurück zum Risiko. Im Grundsatz sind Investitionen nur dann möglich, wenn die strategischen Planungen von Investoren sicher und beherrschbar sind. So war es in der Vergangenheit und so sollte es in besonderem Maße auch heute sein. Stellen wir uns die Frage: Sind langfristige Investitionen heute überschaubar und vor allem beherrschbar?

Meine klare Antwort ist Nein!

Aus diesem Grund wundert mich der noch anhaltende Bauenthusiasmus für Pflegeeinrichtungen schon etwas. Wird keine Risikoanalyse gemacht? Ist man sich zu jedem Zeitpunkt der Gefahren bewusst?

Hintergründe:

2021 ist die Pflegeversicherung mit einem Defizit von 1,35 Milliarden Euro rausgegangen. 2022 werden wir ca. 2,5 Milliarden Euro Defizit erwarten. Das sind 2500 Millionen Euro. Eine gigantische Summe. Wir geben somit mehr aus, als wir einnehmen. Wie oben beschrieben haben wir zu wenige Menschen, die Pflegen wollen und können. Politik und Gesellschaft hat es bis heute nicht geschafft, verbindliche Regeln für die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu schaffen. Traurig, aber wahr. (Mit diesem Thema wird sich zukünftig die Pflege-Denkfabrik beschäftigen:   Pflege-Denkfabrik Facebookseite:)

Es besteht das akute Risiko, dass Refinanzierungen gekürzt werden oder gar vollständig wegbrechen. Siehe der Angriff seitens Herrn Spahn auf die Tagespflegerefinanzierung. Er hat sich nicht durchsetzen können, aber einmal in der Welt wird es so lange geköchelt, bis es kommt. Das ist ein Risiko für Tagespflegebetreiber. Die Personalbemessung ab Mitte 2023 ist ein weiteres Risiko für vollstationäre Betreiber mit kleineren Einrichtungen. Aber machen wir uns nichts vor. Der Bauboom für Pflegeeinrichtungen neigt sich dem Ende. Warum: weil aus einer lukrativen Geldanlage ein Hochrisikogeschäft wird. Meist sind die Immobilienbetreiber nicht identisch mit den Pflegebetreibern vor Ort. Die Miete für die Immobilien werden aus dem Pflegebetrieb erwirtschaftet. Wenn dieser aber durch Personalmangel und/oder zukünftige Refinanzierungslücken gefährdet ist, dann halte ich das für kein gutes Geschäft heute und für die nächsten 30 – 50 Jahre ebenfalls nicht. Wir erleben eine Zäsur am Pflegemarkt. Eine völlige Veränderung, die ein völliges Neudenken und Neuhandeln erfordert.

Reform zur langfristigen Refinanzierung von Investitionen

Sowohl die Finanzierung der Pflegeleistungen als auch die Refinanzierung der notwendigen Immobilien wird einer Reform bedürften. Fakt ist, neben explodierenden Bau- und Energiekosten sehe ich das größte Risiko in den fehlenden personellen Ressourcen. Kein Personal, kein Betrieb! Kein Betrieb, kein Umsatz,/Refinanzierung.

Fazit:

Marktanalyse, Umfeldanalyse, Mitarbeiterpotenzialanalyse, Risiko- und Zukunftsanalyse sind vor Neubau bzw. jeglicher Investition wichtiger den je. Kein Euro wird investiert, wenn nicht annährend 100 % klar ist, wie er wieder erwirtschaftet werden kann. Da dies heute aus meiner Sicht nicht mehr so klar ist, ist jede Investition kritisch zu hinterfragen.

Empfehlung:

Abwarten und beobachten. Der Markt wird sich in den nächsten 24-36 Monaten deutlich verändern und dann lassen sich ggf. auch wieder Prognosen/Investitionen realisieren.

Ihr David Thiele

Beachten Sie auch den Link zu meinem Blogbeitrag

Pflegepolitik Agenda -Jetzt-!