Ihr Möglichmacher seid der Grund!

Von David Thiele

Eine nachdenkliche Psychoanalyse des Pflegemenschen (Home sapiens Curae)

Das Sprichwort meiner Großmutter:
„Jeder bekommt was er verdient.“, gewinnt, je mehr ich darüber nachdenke, an Bedeutung. Es verstärkt sich in meinem Kopf die Erkenntnis, dass wir Pflegekräfte zu einem großen Teil selbst für unsere Situation verantwortlich sind. Ja ganz richtig, nicht nur die Politik, der Staat, die Arbeitgeber und die Verbände sind an der Situation schuld, die wir alle beklagen und bedauern.

Wenn eine Beziehung scheitert, sind meist beide Schuld. Irgendwie, irgendwo, meist Fifty-Fifty beteiligt!
Und so betrachten wir gemeinsam die Seite, die wir auch ändern können, nämlich unsere Seite. Die Seite der Pflegemenschen!

Wer sind nun diese ominösen Möglichmacher?

Definition Möglichmacher:
Möglichmacher sind Menschen, die unter widrigsten Bedingungen des Lebens und Situationen alles möglich machen was gebraucht oder auch gefordert wird. Sie sind Anpacker, Ärmelhochkrämpler, Macher, sich selbst vergessend, erst handeln, dann fragen (oder gar nicht fragen) Menschen.

Diese Möglichmacher versuchen (meist unbewusst, weil so sozialisiert) unter Einsatz und Verbrauch aller ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen, und mit in Mitleidenschaft ziehen aller ihnen bekannten Menschen, die anstehenden Herausforderungen zu rocken.
Vor lauter Mitgefühl und Rücksichtnahme sind sie nicht selten voller gut gemeinter Rücksichtlosigkeit. Rücksichtlosigkeit gegenüber sich selbst und natürlich ihren eigenen Angehörigen und den Angehörigen der Kollegen.

Möglichmacher sind Menschen mit einem besonders hohen Anspruch an das Zusammenleben, an soziale Kompetenz und Sie haben eine ganz besondere Art von Empathieverständnis. Damit meine ich, dass die Leidensfähigkeit des Homo sapiens curae ein außergewöhnliches Ausmaß angenommen hat. Nicht dass dies nicht schon immer so war, nein doch die Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft haben sich drastisch verändert. Der Pferdefuß an der Sache ist, dass die Empathie sich nicht allzu weit erstreckt. Sie gilt nicht für die Mitrocker/Möglichmacher, sondern meist in erster Linie für die Zupflegenden/Hilfebedürftigen. Wir können hier von einer nicht zeitgemäßen Verquickung von Helfersyndrom und Möglichmacher-symptomatik sprechen.

Möglichmacher das sind Menschen, die Soll-Vorgaben bzw. vorgegebene Situationen und Umstände zu praktikablen IST-Situationen umwandeln. Die aus dem unmöglichen, der Krise noch einen Goldesel machen. Zwar nicht für sich, aber für andere. Dabei entschuldigen sie vor sich und anderen, dass es so sein muss, die Situation erfordert es so. Es geht nicht anders.

Liebe Pflegekräfte, dass ist Bullshit!

Möglichmacher, das sind die meisten von uns Pflegemenschen. Nicht wenige Menschen in der Pflege arbeitenden Möglichmacher sind Menschen, die Vorgaben der Träger und Arbeitgeber ohne Prüfung auf Plausibilität umsetzen. So habe ich es ebenfalls Jahr um Jahr gemacht. Gejammert, gestöhnt und weiter möglich gemacht.

Möglichmacher sind Menschen, die Dienstpläne schreiben und diese immer und immer wieder umsetzen. Auch die Vollstrecker der Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt so mancher Betreiber, die den Willen ihrer Herren umsetzen und nicht fragen, ob das richtig ist, ob das machbar ist ob das überhaupt gewollt ist.

Revolution statt Reförmchen

Somit sind eben die Möglichmacher, die Menschen, die meisten von uns die in der Pflege tätig sind oder waren, das sind wir die wir den Dienstplan immer und immer wieder absichern, die die Unverschämtheit des knappen Personalressourcen an die Mitarbeiter weitergeben, dass aus dem Frei geholt wird oder aus dem Urlaub Ich kenne diese Situation, aber wird es nicht Zeit Ursachen zu bekämpfen und nicht die Symptome? Ist es nicht an der Zeit aufzustehen und zu lernen „Nein“ zu sagen? Ist es nicht Zeit für eine Pflegerevolution? Revolution deshalb, weil Reform oder „Reförmchen“ es nicht trifft!

Politik muss mehr praktische Verantwortung übernehmen

Aber warum machen Sie es möglich ist es denn die Aufgabe der Leitungskräfte im unteren und mittleren Management, diese Personalengpässe zu beheben bzw. zu kompensieren?
Sind sie nicht eher der Meinung, dass es die Aufgabe und die Verantwortung der Politik, Pflege- und Krankenkassen, Verbände, Gewerkschaften und Träger ist, diese gesamtgesellschaftlichen Aufgabenstellungen fundamental anzugehen?
Und hier sind wir, wir als Generationen A, B, C oder weiß der Kukuk welche, müssen erleben, wie die Generationen X, Y, Z und bald Alpha etc. ihre Lebenswelt aktiv und bewusst gestalten. Und ach wie ist die Erkenntnis daraus, dazu gehört die Arbeit, somit „wir“ nur zu einem kleinen Teil. Und zwar der bedeutungslosere Teil!!!
Diese Generationen können vollkommen natürlich „Nein-Sagen“ und sehen dabei auch keine emotionale Problematik, weil nicht sie es sind, die einen Versorgungsauftag haben, nicht sie es sind, die Vergütungen vereinbart haben und nicht sie es sind, die diesen Zustand zu verantworten haben. Eine
Generationenschuld gibt es nicht!
An dieser Stelle beginnt der Kampf der Generationen. Unsere Sozialisierung gegen die der nachfolgenden Generationen. Wer gibt uns eigentlich die Legitimation unsere Art zu leben und zu arbeiten als den Goldstandard anzunehmen, nur weil wir seit 60 Jahren an nichts anderes gewöhnt worden sind?!

Lesen Sie mehr dazu in meinem Blogbeitrag: https://www.thieleberatung.de/generation-z-akzeptanz-gewinnt/

Und natürlich muss etwas getan werden und natürlich muss es Veränderungen geben. Diese Veränderungen müssen mehrdimensional sein und heute beginnen.

Was ist zu tun?

1. Arbeitgeberseite:

Führungskräfte müssen lernen echt zu führen (modernes Leadershipmanagement), Führungskräfte werden an motivatorischen Kennzahlen in erster Linie gemessen. Rentabilität besteht heute aus zufriedenen Mitarbeitern, die auch bleiben!

2. Mitarbeiter:

müssen lernen konsequent nein zu sagen. Dienstplan ist Dienstplan, der wird weder verändert noch erweitert. Mitarbeiter müssen sich Wertschätzung auf der Arbeit (gegenseitig) und vor allem auch in Ihrer Lebenswelt außerhalb suchen lernen.

3. Politik:

Gelder müssen ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Mindestlohn für Pflegehelfer auf 15€ rauf und das Einstiegsgehalt für Pflegefachkräfte auf mindestens 4000€. Der (ein neuer) Pflegeschlüssel muss sich an den nordischen Nachbarn bzw. an Holland orientieren (somit ungefähr verdoppeln). Sollte Geld fehlen, dann wird Politik sicher in Verwaltung, Regierung und Militär fündig. 4-5 Tage Woche für Mitarbeiter in der Pflege sollte überdacht werden. Tendenz in Richtung 4 Tage/Woche bei 30-35h. Hierbei besteht natürlich die Gefahr, dass auch andere wichtige Berufsgruppen ihre Ansprüche auf anständige Entlohnung kundtun. Jedoch an einer Stelle muss angefangen werden. Halt Stopp: Nicht nur da muss begonnen werden, parallel dazu muss das Steuermodell für diese Berufsgruppen deutlich angepasst werden. Ansonsten drohen hohe Abzüge und im dramatischsten Fall weniger danach als vorher! Das hätte eine fatale Wirkung auf die Motivation!

Lesen Sie mehr dazu in meinem Blogbeitrag: https://www.thieleberatung.de/so-muss-gehalt-eine-bessere-bezahlung-allein-bringt-nix/

4. Gesellschaft:

Neue Priorität, was Pflege und andere Menschen nahe Berufe anbelangt. So lange Tätigkeiten, die nicht am Menschen stattfinden, höher vergütet werden als die am Menschen, ändert sich nix (Stichwort: Wertewandel). Somit steht fest, Pflege muss stets mehr verdienen als der deutsche Durchschnitt (Beamte, Banker, Immobilienmakler, Versicherungen etc.)

Fazit:
Also Ihr lieben Möglichmacher, wachen Sie auf, werden sie sich Ihres Handelns bewusst. Die Regel, alles was Sie tun oder nicht hat eine Wirkung! Sie sind die Ursache! Ihr Handeln bestimmt die Zukunft der Pflege mit! Nicht allein, aber doch wesentlich! Das Ursache-Wirkungsprinzip. So lange, wie Sie das Signal senden, das passt schon, wir bekommen das hin, retten Sie nicht den Dienstplan, nicht das Team, nicht Ihre Familie und schon gar nicht die Pflege. Sie verlängern nur das Leiden, die Qual und das Hamsterrad, in dem sich Pflege so schmerzlich befindet. Ja und richtig, Sie allein können nur bedingt etwas bewegen. Jedoch für sich und für die, die nach Ihnen kommen. Die Schüler werden von Ihnen gelehrt, geschult und Sie sind die Vorbilder. Auch die Vorbilder für Selbstachtung, Selbstbewusstsein und vor allem Bewusstsein. Es lebe das Probieren, das nicht akzeptieren und die Pflegerevolution!

Gedanke 1:
Egal was wir tun, es werden nicht mehr Mitarbeiter. Hunderttausende fehlen. Dieser Fehler ist nicht in den nächsten Jahren zu heilen. So braucht es Augenmaß auch in der Durchsetzung der eigenen Interessen. Der Punkt ist ohne gegenseitiges Verständnis und die richtige Roadmap wird sich dieses gesellschaftliche Problem nicht lösen lassen. Dafür ist es auch wichtig, dass Liberalisierungsmodell im Gesundheitswesen neu zu denken.

Und so sind wir beim Nachbarschaftsprinzip. Angehörige, Freunde und Nachbarn sind gleichermaßen in der Pflicht!

Gedanken 2:
Jedoch wo wäre die Menschheit ohne diese Möglichmacher? Was haben wir neben den menschlichen Tragödien für beeindruckende Menschlichkeit erlebt? Wenn die Zukunft aus Menschen besteht, die sich nicht mehr in der Lage sehen Herausforderungen möglich zu machen, was bleibt dann von unserer Gesellschaft übrig? Wenn zu den zerstörten Familien und Familienbanden kleine Egoisten kommen, dann sind wir nicht mehr lebensfähig. Sie merken vielleicht, unsere derzeitiger Lebensplan (Gesellschaftsplan) funktioniert so nicht.

So sollten sich die Möglichmacher und die nachfolgenden Generationen zusammensetzten und die Mitte finden. Nichts tun, nicht helfen ist genauso ein No-Go wie das völlige Aufreiben und Selbstzerstören.

Die Werte sind der Wegweiser auf dem richtigen Weg.

Tipp:

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